Mehr als Firmen bestatten

17.12.2009

HALLE/MZ. Wenn in Mitteldeutschland ein großes Unternehmen in die Insolvenz geht, gibt es häufig Arbeit für Lucas Flöther. Der Rechtsanwalt aus Halle gilt als ausgewiesener Insolvenzexperte. Die Amtsgerichte, bei denen Firmen ihren Insolvenzantrag stellen müssen, betrauen ihn und seine Kollegen mit den Verfahren. Der 35-jährige Flöther ist bereits seit zehn Jahren auf diesem Gebiet tätig und gehört heute laut Branchendienst Indat als einziger Ostdeutscher zu den Top zehn der Insolvenzverwalter in Deutschland.

Die Kanzlei Flöther & Wissing befindet sich auf mehreren Etagen in einem Bürohaus in der halleschen Innenstadt. Flöthers Büro ist eher spartanisch eingerichtet. Zwei Tische, ein Computer, Aktenschränke und ein Bücherregal mit Fachliteratur. Flöther schaut durch seine randlose Brille freundlich.

Er hat frühzeitig auf die richtigen Themen gesetzt. Bereits während seines Jurastudiums in Halle beschäftigte er sich mit dem Thema: “Die Eigenverwaltung in der Insolvenz”. Das neue Insolvenzrecht, das seit 1999 gültig ist, stellt stärker die Sanierung und Fortführung eines insolventen Unternehmens in den Vordergrund. “Insolvenzverwalter sind schon längst keine Firmenbestatter mehr”, sagt Flöther. Ein Verwalter habe die Aufgabe, die Gläubiger zu bedienen und wenn möglich, den Erhalt des Unternehmens zu sichern. Der Jurist sieht in den beiden Zielen keinen Widerspruch: “Das funktionierende Ganze ist meist mehr wert als die Einzelteile.”

Bundesweit bekannt wurde Flöther 2006, als ihm das Verfahren für die Wohnungsbaugesellschaft Leipzig West übertragen wurde. Es war einer der größten Anlegerskandale Deutschlands, bei dem 38 000 Gläubiger um mehrere hundert Millionen Euro geprellt worden sind. “Geduld, Ausdauer und Akribie braucht man in einem solchen Verfahren”, so Flöther. Diese Eigenschaften helfen ihm auch in anderen Fällen. “Es gelingt uns, mehr als die Hälfte der Unternehmen zu erhalten”, sagt er. In diesem Jahr führte der Insolvenzverwalter unter anderem den Autozulieferer WMS Flocktechnik aus Wolmirstedt (Börde) durch einen Verkauf aus der Insolvenz. Eine Sanierung sei meist alles andere als einfach. Bei Flocktechnik beispielsweise mussten etwa 50 der früher 110 Mitarbeiter gehen. “Langjährigen Beschäftigten zu sagen, dass ihre Arbeit nicht mehr benötigt wird, lässt einen nicht kalt.” Wenn Flöther in ein Unternehmen geht, spricht er als erstes mit der Geschäftsführung und den Beschäftigten über die Probleme. “Die ersten Tage sind für den Erfolg der Sanierung entscheidend”, sagt er. Verunsicherte Kunden und Zulieferer benötigten eine Perspektive.

Die Insolvenzverwaltung ist nach seinen Worten schon längst keine “Ein-Mann-Show” mehr. Seine Kanzlei beschäftigt über 100 Mitarbeiter in mittlerweile neun Niederlassungen bundesweit. “In unserem Team sind nicht nur Juristen, sondern auch Steuerberater und Kaufleute.” Ohne deren Sachverstand sei es kaum möglich, eine größere Insolvenz zu bewältigen. Insgesamt war Flöther in diesem Jahr mit über 100 Firmenpleiten beschäftigt. Und die Kanzlei soll weiter wachsen. “Wir überlegen, ein Büro in Russland zu eröffnen.” Immer mehr Investoren aber auch Gläubiger kämen aus Osteuropa.

Sind schlechte Zeiten gut fürs Geschäft? “Das müsste man annehmen”, sagt der Jurist lächelnd. Die Realität sehe häufig anders aus. “Bei einigen Firmen ist so wenig Substanz, dass weder Sanierung noch Abwicklung Geld einbringen.” Klagen will er aber nicht: “Auch wenn es pathetisch klingt, ich bin gern Insolvenzverwalter.”

MZ | Steffen Höhne


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