17.05.2011 | GARDELEGEN – Ein Insolvenzverfahren im Eiltempo: Ende Februar meldete das Glaswerk Agenda Glas AG aus Gardelegen Insolvenz an. Am 9. Mai wurde das Unternehmen aus der Altmark bereits vom indische Glaskonzern Hindusthan National Glass & Industries (HNG) gekauft, teilte der hallesche Insolvenzverwalter Lucas Flöther gestern mit.
Die Inder setzten sich in einer von der Kanzlei Flöther & Wissing initiierten internationalen Ausschreibung durch. Es gab sogar Andrang. Nach Worten von Flöther bewarben sich mehr als ein Dutzend Firmen. HNG habe am Ende das überzeugendste Angebot vorgelegt. Der Konzern erwirbt das Vermögen des erst 2009 errichteten Werks mit 150 Mitarbeitern. Zum Kaufpreis macht Flöther keine Angaben. Das Angebot sei jedoch eines der besten gewesen. Ausschlaggebend für den Zuschlag war nach Angaben des Insolvenzverwalters jedoch auch, dass die Inder über gute Branchenkenntnisse verfügen. HNG ist ein börsennotierter Glashersteller mit Sitz in Kolkata. Der indische Marktführer im Bereich der Behälterproduktion betreibt nach eigenen Angaben sechs Glaswerke in Indien und beschäftigt 3 125 Mitarbeiter.
Zweites Glaswerk in Aussicht
Mit dem Kauf des Gardelegener Werks will der indische Glaskonzern nun offenbar in Europa Fuß fassen. Nach MZ-Informationen ist sogar geplant, den Standort weiter auszubauen. So soll womöglich eine zweite Glasfabrik errichtet werden. Morgen wird sich der neue Investor in Gardelegen öffentlich vorstellen.
Die bisherigen Eigentümer und Finanziers hatten dagegen kein glückliches Händchen. Zum Start der Produktion im Februar 2010 kündigte Agenda noch an, 90 000 Tonnen Glas zu 300 Millionen Flaschen verarbeiten zu wollen.
Technische Anlaufschwierigkeiten
Über die Anlagen liefen unter anderm die Getränkeflaschen von Jägermeister und Wodka Gorbatschow. Zur finanziellen Schieflage führten laut Flöther technische Anlaufschwierigkeiten. Diese hätten im ersten Produktionsjahr zu einer hohen Ausschussquote geführt. Dadurch fiel der Umsatz mit zehn Millionen Euro nur halb so hoch aus wie erwartet.
Finanziell gebeutelt dürften auch die zumeist öffentlichen Geldgeber sein, die halfen, die 50 Millionen Euro teure Fabrik zu bauen. Rund 10,2 Millionen Euro sind an Fördermitteln des Landes direkt in das Projekt geflossen. Größter Kreditgeber war die Landesbank Nord/LB, auch die Sparkasse Altmark-West gewährte Darlehen. Eigenkapital von 4,2 Millionen Euro steuerten die Gesellschafter bei – zwei Ex-Manager des Glaskonzerns Heye aus dem niedersächsischen Obernkirchen und die IBG Beteiligungsgesellschaft Sachsen-Anhalt/Goodvent.
Das Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt hält den Schaden aber für begrenzt: Ziel sei es gewesen, einen leistungsfähigen Produktionsstandort in der strukturschwachen Altmark zu errichten. Das werde erreicht.
HALLE | MZ/Steffen Höhne
