INDAT-REPORT 4/2008 – Verwalter & Kanzleien

20.02.2009

Dr. Lucas F. Flöther: Früh übt sich

Leipzig. Mit 34 Jahren auf eine fast zehnjährige Berufserfahrung als Insolvenzverwalter zurückzublicken, findet der Leipziger Rechtsanwalt Dr. Lucas F. Flöther selbst auch ungewöhnlich. Der Partner von Flöther & Wissing Rechtsanwälte, dessen spektakulärstes Verfahren derzeit die Leipzig-West AG ist, führt diesen frühen Start auf einen Vertrauensvorschuss und eine Portion Glück zurück – und dass er genau wusste, was er wollte und damit nicht hinter dem Berg hielt.

Text: Peter Reuter

Bei ihm war es sehr erfreulich, andere können das von ihrer Studienzeit oft nicht behaupten. Die Vorlesungen in dem sich im Wandel befindlichen Rechtsgebiet faszinierten ihn besonders, sodass der gebürtige Leipziger bereits als Student an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg genau wusste, wohin er wollte. Verantwortlich dafür machte er Prof. Dr. Stefan Smid, der damals in Halle lehrte, heute in Kiel den Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Zivilprozessrecht bekleidet, der Flöther auf diesen Weg brachte. „Sie sollten Insolvenzverwalter werden“ riet er ihm nachdrücklich und trug ihm dafür passend schon das Promotionsthema „Auswirkungen des inländischen Insolvenzverfahrens auf Schiedsverfahren und Schiedsabreden“ an, wovon Flöther allerdings zunächst glaubte, keinen praktischen Nutzen daraus ziehen zu können, aber später in einigen Fällen froh war, in seinen eigenen Ausführungen blättern zu können.

Den Rat von Professor Smid, Verwalter zu werden, setzte er gleich in die Tat um und begann 1999 als frisch in München zugelassener Rechtsanwalt in der Kanzlei Feigl & Partner und bereits im selben Jahr als Insolvenzverwalter. Durchaus eine Seltenheit, die man vielleicht noch eher in KO-Zeiten findet, direkt als Verwalter durchzustarten. „Es war von meinem damaligen Partner Feigl ein riesiger Vertrauensvorschuss, als er mir frühzeitig die Möglichkeit der Bestellung zum Insolvenzverwalter einräumte.“ Nachdem ihm das Insolvenzgericht Halle auch dieses Vertrauen entgegengebracht und ihn erstmalig bestellt hatte, sammelte Flöther parallel Erfahrungen bei den größeren Verfahren seines Kollegen Feigl. Er verschweigt aber nicht, dass er schnell den Wunsch geäußert habe, selbst als Verwalter tätig zu sein und keine langjährige Lehrtätigkeit als Sachbearbeiter anstrebte. Flöther erkannte rasch, dass eine „professionelle Insolvenzabwicklung eine breite Aufstellung der Kanzlei voraussetzt“, sodass er sich zügig auch bei anderen Gerichten bewarb. Heute bestellen ihn sieben Gerichte im ostdeutschen Raum sowie in Mannheim und Heidelberg.
Als Seniorpartner Feigl im vergangenen Jahr ankündigte, kürzer treten zu wollen und schließlich aus der Kanzlei ausschied, firmierte die Sozietät um in Flöther & Wissing Rechtsanwälte und stellt sich seitdem als überregionale Kanzlei auf, die heute an neun Standorten in mehreren Bundesländern vertreten ist. Zuletzt dazugekommen sind Büros in Berlin und Chemnitz, in München wollte man auch weiter wachsen. Die 20 Berufsträger, davon fünf Verwalter sowie ca. 50 weitere Mitarbeiter seien wie er mit 34 Jahren im Durchschnitt „recht jung“. Man spreche untereinander „dieselbe Sprache“, wobei man die älteren Kollegen und deren Erfahrung keinesfalls missen wolle. Expansionspläne schmiede man noch in Niedersachsen, sagt Flöther, aber weitere Standorte seien vorerst nicht geplant.

Wirtschaftskrimi Leipzig-West

Spätestens mit dem Verfahren der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West AG, die am 19. Juni 2006 Insolvenzantrag stellte und deren Vorständen die Staatsanwaltschaft vorwirft, bei der Herausgabe von Inhaberschuldverschreibungen – das Emissionsvolumen beläuft sich auf über 500 Millionen Euro – in betrügerischer Absicht gehandelt zu haben, erhielt er nicht nur die Aufmerksamkeit von mehr als 38 000 Gläubigern. Als einer der größten Anlegerskandale in Deutschland, der gerne als „Wirtschaftskrimi“ in der Presse betitelt wird, standen das Verfahren und sein Insolvenzverwalter plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit. Gegen Vorstand, Hauptaktionär und Aufsichtsratsmitglieder wurde bereits strafrechtlich ermittelt, ein Großteil der Anlegergelder war seit geraumer Zeit zur Rückzahlung fällig, und die Anleger liefen bereits aufgebraucht Sturm gegen das auf dem „grauen Markt“ tätige Unternehmen. Richtig aktiv geworden sei die Staatsanwaltschaft in Sachen Leipzig-West allerdings erst – d. h. Verhaftungen und Vermögensarrestierungen vorgenommen – nachdem Flöther als vorläufiger Verwalter bestellt worden war und seine Arbeit aufgenommen hatte. Umgekehrt habe man aber auch „auf Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft zurückgegriffen“.
Warum er als der am besten geeignete Verwalter für dieses Verfahren ausgewählt wurde, ist eine typische, aber letztendlich kaum zu beantwortende Frage. Flöther, der sich in seinen Veröffentlichungen vorrangig mit der Eigenverwaltung und dem Insolvenzplan beschäftigt, führt das auf Verfahren zurück, in denen er Geduld, Ausdauer und Akribie gezeigt und anscheinend sehr passable Ergebnisse erzielt habe. Den größten Obstanbaubetrieb in Sachsen-Anhalt zum Beispiel führte er über mehrere Jahre fort, bis er ihn schließlich veräußerte. Die Leipziger Traditionsbäckerei Löwenbäcker mit 170 Arbeitnehmern führte er ebenfalls über einen längeren Zeitraum fort, bis sie ein Backkonzern übernahm und heute mehr Mitarbeiter beschäftigt, als vor der Insolvenz. Auch die Schiffsbau- und Entwicklungsgesellschaft Tangermünde, die zwei Binnenwerften betreibt, konnte er im Wege einer übertragenden Sanierung veräußern und dadurch sämtliche Arbeitsplätze erhalten.

Jederzeit persönlich einsatzbereit

Leipzig-West, das Verfahren wurde am 1. September 2006 eröffnet, markiert nun den vorläufigen Höhepunkt seiner Verwaltertätigkeit. „Ohne unsere neun Standorte hätten wir das nicht machen können“, sagt Flöther. Sofort sie eine „freiwillige Urlaubssperre“ ausgesprochen und Nachtschichten eingelegt worden, was wiederum zeigte, dass dieser Beruf nicht nur großes Engagement, sondern auch starken persönlichen Einsatz erfordere. Binnen 14 Tagen musste man 38000 Gläubiger informieren, ihre Ansprüche zur Tabelle anmelden. Das Ergebnis waren mit Barcodes versehene Schreiben, verpackt in 321 Postkisten. Das sei aber der geringere Teil der Anstrengungen gewesen, sagt Flöther, denn der Rücklauf geschah unter noch größerem Zeitdruck. Bis zur ersten Gläbigerversammlung schaffte man es, 44000 Forderungen abschließend zu prüfen, sodass von 8000 schriftlich angemeldeten Gläubigern schließlich nur ca. 500 Gläubiger bzw. Gläubigervertreter am 27. November 2006 in die Leipzig Arena zur ersten Gläubigerversammlung kamen. Dort berichtete Flöther von einer hilflosen Geschäftsleitung, einem unorganisierten Bürobetrieb, der bereits zum Erliegen gekommen war und einem völlig unüberschaubaren Immobilienbesitz, der weitestgehend belastet ist. Er sprach über die in Deutschland verstreuten Firmenbeteiligungen sowie Differenzen im dreistelligen Millionenbetrag zwischen Buchwerten und tatsächlich vorgefundenen Werten. Die Verbindlichkeiten beliefen sich auf 339 Millionen Euro, davon entfielen auf die Anleger 296 Millionen Euro. Chaos verhindern, den Betrieb sowie die Immobilienverwaltung und die Verwaltung der Unternehmensbeteiligungen aufrechterhalten und die Kommunikation nicht abreißen lassen, waren die ersten und dringlichsten Maßnahmen. Da unter den Gläubigern überdurchschnittlich viele ältere Anleger sind, müsste man zudem täglich dafür sorgen, dass die Insolvenztabelle aktuell geführt werde und in vielen Fällen bereits Erbenermittlung betreiben. Konnte Flöther auf der ersten Gläubigerversammlung nahezu keine Aussichten auf eine Quote machen, hat er nun bessere Nachrichten. Er rechnet immerhin mit einer Quote von unter zehn Prozent.

Dieses und andere spannende Insolvenzverfahren baut er als Lehrbeauftragter für Insolvenz- und Zwangsvollstreckungsrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in den mitunter trockenen Stoff ein und hat unter den Studenten – ein „schöner Nebeneffekt“ – schon den einen oder anderen Nachwuchs für seine Kanzleien entdeckt. Und um selbst immer up-to-date zu sein, hilft ihm seine Tätigkeit als Vorsitzender des Ausschusses Insolvenzrecht der Bundesrechtsanwaltskammer, die er in diesem Jahr übernommen hat. So frühzeitig in Gesetzgebungsverfahren eingebunden zu sein und ein Wörtchen mitreden zu können, mache ihm „riesige Freude und Spaß“.

6 Fragen an Dr. Lucas F. Flöther

Erklären Sie einem Kind in einem Satz, was Ihr Beruf ist?
„Der Insolvenzverwalter wird wie ein Notarzt bei größter Gefahr zu Unternehmen gerufen, um deren Leben zu retten.“

Was kann Sie in Wut versetzen?
„Unbeherrschtheit, Ungenauigkeit, Unpünktlichkeit.“

Worauf möchten Sie in Ihrer Freizeit nie verzichten?
„Familie und gelegentlich ein Tennismatch.“

Welche Begabung hätten Sie gerne?
„Die perfekte Beherrschung eines Musikinstrumentes.“

Was war der klügste Rat, den Sie je bekommen haben?
„Werde Insolvenzverwalter!“

Ihr Motto?
„Nichts ist unmöglich!“

Dr. Lucas Flöther, geb. 1974 in Leipzig; Rechtsanwalt, Fachanwalt für Insolvenzrecht und Insolvenzverwalter, Partner der früher unter Feigl & Partner Rechtsanwälte und heute unter Flöther & Wissing Rechtsanwälte firmierenden überregionalen Verwalterkanzlei mit neun Standorten; 1992 bis 1997 Studium der Rechtswissenschaften an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, 1997 Erstes Juristisches Staatsexamen, 1999 Zweites Juristisches Staatsexamen, 1999 Zulassung als Rechtsanwalt und seitdem tätig als Insolvenzverwalter, 2000 Promotion zum Dr. jur. in Halle; seit 2001 Lehrbeauftragter u. a. für Insolvenzrecht an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, seit 2008 Vorsitzender des Ausschusses Insolvenzrecht der BRAK. Verfahren: Schiffsbau- und Entwicklungsgesellschaft Tangermünde mbH & Co. KG, Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West AG, Obermaier Fahrzeugbau GmbH, Metallveredelung Wernigerode GmbH.

Publikationen: Flöther/Smid/Wehdeking: Die Eigenverwaltung in der Insolvenz, München, 2005; Kommentierung des Sechsten Teils der Insolvenzordnung – Insolvenzplan, in: Blersch, Goetsch, Haas (Hrsg.): Berliner Kommentar zum Insolvenzrecht.


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