17.07.2009 | Leipzig
Drei Jahre nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens für WBG Leipzig-West kein Ende in Sicht.
Der Mann, der einen der größten Finanzskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte aufarbeiten muss, wirkt trotz Termindrucks freundlich und entspannt. Seit drei Jahren ist Lucas F. Flöther Insolvenzverwalter der Wohnungsbaugesellschaft Leipzig-West (WBG). Er ist Vorsitzender des Ausschusses Insolvenzrecht der Bundesrechtsanwaltskammer, hat vielfach publiziert. Aber diese Pleite ist auch für ihn etwas Besonderes. „Es ist eins der komplexesten Verfahren in der Geschichte der Bundesrepublik“, sagte er.
Am 1. September 2006 war das Insolvenzverfahren für die WBG eröffnet worden. Mehr als 38 000 Gläubiger hatten Forderungen in Höhe von rund 339 Milliarden Euro angemeldet. Darunter 28 000 Anleger, die ihre Ersparnisse in Inhaber-Schuldverschreibungen versenkt haben. Für sie soll Flöther möglichst viel aus dem WBG-Erbe verwerten. „Es ist kompliziert, weil wir es mit einem überaus verschachtelten Beteiligungsfeld und einem nahezu unüberschaubaren Immobilienbesitz zu tun haben“, schildert er. Flöther ist froh, schon 80 Prozent der Immobilien verkauft zu haben – vor der großen Wirtschaftskrise. „Noch zu vernünftigen Preisen also.“ Der Rest allerdings sei derzeit nahezu unverkäuflich. Und was ist mit den legendären WBG-Millionen, die noch immer verschwunden sein sollen? Wie Flöther zur Gläubigerversammlung am 27. November 2006 in der Arena berichtete, soll WBG-Mehrheitsaktionär Jürgen Schlögel über einen Gewinnabführungsvertrag mindestens 99 Millionen Euro eingesackt haben. Per dinglichem Arrest sicherte der Insolvenzverwalter sofort alle bekannt gewordenen privaten Vermögenswerte Schlögels wie Bargeld, Luxuswagen, Grundstücke und Unternehmensbeteiligungen – es war ein Bruchteil dessen, was an den Nürnberger geflossen sein soll. „Wir haben erhebliche Ansprüche gegen Herrn Schlögel“, sagt Flöther. „Die Höhe ist aber schwierig zu ermitteln.“ Spuren des Geldes, die Detektive im Sold von Anlegerschutzanwälten bis nach Rumänien und Dubai verfolgten, blieben kalt. „Es ist eine komplette Aufarbeitung der Buchhaltung notwendig, um zu wissen, was an Verlusten übrig bleibt, die Herr Schlögel auszugleichen hat und was über ihn geflossen ist“, erklärt der Verwalter. Die Aktenreihen füllen ganze Räume bis unter die Decke. Bis zu 25 Mitarbeiter der Kanzlei wühlen sich durch die Papierberge, erstellen etwa Jahresabschlüsse. Auch mit Schlögel selbst hätten bereits „eine ganze Reihe Besprechungen stattgefunden“, so Flöther. Der Kaufmann gilt in Ermittlerkreisen als Drahtzieher des gewaltigen Anlagebetrugs. Ein Strafprozess gegen ihn war im Dezember 2007 geplatzt. Flöther sagt, es sei mit Schlögel auch über einen Vergleich gesprochen worden. „Das Brett an der dünnsten Stelle anbohren“, nennt er das. Aber auch eine Klage gegen Schlögel sein nicht ausgeschlossen, um Ansprüche wegen so genannter Verlustausgleichspflicht geltend zu machen.
Wie lange die Aufarbeitung der WBG-Pleite noch dauert? Flöther hebt die Schultern. „Noch viele Jahre.“ Und bis zum Schluss können sich noch Gläubiger melden. Sie dürfen nach derzeitigem Stand mit einer Insolvenzquote zwischen drei und neun Prozent rechnen. Die Ausschüttung werden viele WBG-Anleger indes nicht mehr erleben. „Das Durchschnittsalter ist relativ hoch“, weiß Flöther. Pro Jahr sterben 500 bis 600 von ihnen. Flöthers Team muss in diesen Fällen die empfangsberechtigten Erben ausfindig machen. „Das erfordert detektivische Fähigkeiten“, erzählt der Jurist. „Jeden Tag bekommen wir Sterbeurkunden und Testamente“.
Leipziger Volkszeitung | Frank Döring
